VISUELLE UMSETZUNG/MEDIUM
Die detailgenaue, farbintensive 16:9 Bildästhetik der HDCAM wirkt sehr filmisch und eignet sich besonders für Dreharbeiten im Innenraum mit wenig Licht und für Abend- und Nachtdrehs im Aussenraum, da das Material sehr lichtempfindlich ist.
Wir werden in Innenräumen ohne zusätzliches Licht filmen, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass wir so unauffällig und fast ohne zu stören arbeiten können. Eine handliche, tragbare Filmausrüstung und ein kleines Team lässt den Personen grösstmögliche Handlungsfreiheit. Die Kamera wird zum gestalterischen Mittel, welches das "Drinnen" des Heims und die Gegenwelt "draussen" (Schule, Elternteil, Behörden etc.) einfängt.
Wir drehen grösstenteils von der Schulter und verwenden das Stativ in ausgesuchten Situationen, in denen die Porträtierten bewusst ins Bild gesetzt werden: Bei Gesprächen, Theater- und Tanzvorführungen und ähnlichem.
Da wir die Jugendlichen längere Zeit durch ihren Alltag begleiten, verzichten wir auf einen offensiven, reportageartigen Interviewstil. Zunächst versuchen wir möglichst viel durch die Filmbilder und die Handlung zu erzählen. Falls nötig werde ich Fragen stellen, ohne aber im Film als Interviewerin aufzutreten. Es geht nicht darum, etwas "aufzudecken" oder zu "enthüllen", sondern auf behutsame Weise in die Tiefe zu gehen. Die Jugendlichen sollen ohne Druck und Zwang all jenes erzählen, was sie uns und dem Filmpublikum mitteilen wollen - nicht mehr und nicht weniger.
BILDGESTALTUNG
Die Orte, Themen, Menschen, die in den Vorgesprächen und während der Dreharbeiten erwähnt werden, lassen visuelle Bilder aufkommen, die als Grundlage für die Bildgestaltung dienen. Während der Dreharbeiten werden sich über die Gespräche neue Assoziationsmöglichkeiten eröffnen.
Auf der visuellen Ebene arbeiten wir mit drei Elementen:
1. Dokumentarische Bilder in Farbe auf HD: Hier werden Bildausschnitt und die Bildkomposition bewusst als erzähltechnische und poetische Mittel eingesetzt. Weite Landschafts- und Stadtaufnahmen situieren die Erzählung und transportieren gleichzeitig innere Stimmungsbilder. Nähere Aufnahmen, etwa in Innenräumen oder bei Interviews, geben dem Zuschauer Gelegenheit, die Personen näher kennen zu lernen. Bei diesen Aufnahmen spielt der Raum, in dem sich die interviewte oder handelnde Person befindet, eine grosse Rolle. Der Raum ergänzt das Erzählte mit zusätzlichen Informationen: Am Einrichtungsstil und den Bildern (Poster, Fotos) an der Wand lässt sich ablesen, wie diese Person lebt, was für einen Geschmack sie hat, wofür sie sich interessiert etc.
2. Foto- und Video-Tagebücher: Wir bauen Fotos und Videos ein, die aus der Erlebniswelt der Jugendlichen stammen. Die Jungen und Mädchen benützen moderne Bildmedien, die das schnelle Kommunizieren über über weite Distanzen ermöglichen. Handy-Kameras und einfache Digitalkameras erlauben unbeschwertes Drauflos-Fotografieren und Filmen. Darüber hinaus lassen wir sie selber filmen und leihen ihnen das notwendige Equipment, damit sie eine Art Video-Tagebuch führen und ihre eigene Welt aus ihrer Perspektive zeigen können.
Aus diesen audiovisuellen Tagebüchern erhoffen wir uns unverfälschte, aber auch poetische Bilder, deren Motive aufgrund der im Film erwähnten Orte, Themen und Menschen Raum für Assoziationen lassen. Und wir erhoffen uns ein visuelles Leitmotiv, das verschiedene Funktionen erfüllt als Symbol, Metapher oder Illustration des Erzählten. Dieses Leitmotiv sollte ein mehrdeutiges Bild sein, das sich je nach Kontext jeweils anders lesen lässt.
3. Familien- und Kinderfotos und Heimvideos: Wir setzen nostalgische Erinnerungsbilder als Gegenpol zu den spontanen Schnappschüssen der Jugendlichen ein. Diese Bilder stammen aus den „Familienalben“ der Jugendlichen selbst und dem Heim, aber auch von ehemaligen Heimbewohnern.
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